Systemische Therapie & Systemische Beratung / Familienberatung

Virginia Satir, Salvador Minuchin, Paul Watzlawick und Mara Selvini Palazolli gehören zu den „Vätern und Müttern“ der Systemischen Therapie. In den 1950er Jahren entwickelten sie ein Verfahren für Menschen die mit bisherigen Psychotherapieverfahren als schwierig zu behandeln galten. Gemeinsam hatten diesen Methoden, dass sie das soziale Umfeld in ihre Therapie miteinbezogen. Nicht der/ die Einzelne schizophrene oder depressive Patient stand exklusiv im Fokus, sondern der Umgang der Familie miteinander, deren Kommunikation und Schwierigkeiten die sich im Hier und Jetzt daraus ergeben. Probleme und Symptome wurden nicht als Eigenschaften und Fehlverhalten eines Einzelnen verstanden, sondern als misslungener Versuch eine schwierige Situation zu lösen. Dieses Verfahren wurde dann als Systemische Familientherapie bekannt.

Warum finde ich es sinnvoll systemisch zu beraten?

Heute findet Systemische Therapie und Systemische Beratung beispielsweise in der Kinder- und Jugendhilfe und Erziehungsberatung Anwendung. Im erstgenannten Bereich arbeite ich hauptberuflich seit einigen Jahren. In stationären Jugendhilfe, der professionellen Erziehung und Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, sowie deren Familien, bin ich das erste Mal mit dem Ansatz der Systemischen Beratung in Kontakt gekommen.

Als Sozialpädagoge bin ich nämlich davon überzeugt, dass Menschen danach Streben ihre Lebenswelt hin zum Positiven zu verändern. Manchmal stößt das jedoch an Grenzen: Eltern schütteln den Kopf und verstehen das Verhalten ihrer Kinder nicht. Ich versuche dann zu verstehen und sichtbar zu machen, dass dieses Verhalten der Versuch einer Lösung einer Anpassung ist. Besonders effektiv und wirkungsvoll ist es wenn neben des Kindes alle beteiligten (Sub-)Systeme und die Umwelt, also Eltern, Geschwister, Schule, Pädagogen, etc. eingebunden werden. – Das ist meinem Verständnis nach ursprüngliches systemisches Arbeiten.

Was ist das Besondere an Systemischer Therapie?

  • Einbeziehen des Menschen im System seiner Beziehungen und seines soziales Umfeldes.
  • Es geht nicht darum lineare Erklärungen für Konflikte und Störungen zu finden (Warum). Stattdessen geht der Blick auf dynamische und wechselwirkende Prozessen in Systemen (z.B. Familie, Teams, Organisationen, Subsysteme Paar & Eltern). Also vor allem um das Wie. – Wie geht eine Familie, wie geht das Paar miteinander um?
  • Probleme und Symptome haben einen Sinn! Wofür könnte es hilfreich sein, dass Sie ausgerechnet bei einem bestimmten Thema häufig streiten? Wie möchten Sie nach der Beratung / Therapie stattdessen damit umgehen? Wer beschreibt das Verhalten überhaupt als Problem? – Wer möchte möglicherweise, dass alles so bleibt wie es ist?
  • Systemische Beratung ist keine Expertenberatung. Systemische Paartherapeuten gehen davon aus, dass allein der Klient selbst weiß was gut für ihn ist – und was nicht. Durch Methoden, Techniken und Irritationen verändert der Klient seine Sicht auf seine Situation. Das ermöglicht ihm bereits auf vorhandene Lösungsalternativen zurückzugreifen.
  • Wertschätzung und Lösungen. Wer gezielt nach Problemen sucht, findet Probleme. Wer gezielt nach Lösungen sucht, findet auch Lösungen! Systemische Fachleuchte sprechen von der „Lösungstrance“ und der weniger zielführenden „Problemtrance“. Systemische Therapie blickt auf eigene Stärken, Fähigkeiten und Ressourcen, welche beispielsweise bei der Bewältigung von Schwierigkeiten in der Vergangenheit hilfreich waren. Diese sollen aktiviert und genutzt werden können.

Was ist der Unterschied zwischen Systemischer Therapie und Systemischer Beratung?

Unsere Sozialgesetze verstehen Therapie als Behandlung von Menschen die krank sind. Eine Beratung stattdessen „unterstützt Menschen in Krisen, mit Problemen oder mit schwierigen Fragen. Sie dient dazu, gute Lösungen zu finden, sei es in Erziehung, Partnerschaft oder Lebensgestaltung“ (Schwing & Fryszer (2016). Deswegen spreche ich in meiner Arbeit in Düsseldorf auch lieber von Paarberatung statt Paartherapie. In der Beratung und im Coaching arbeite ich nach Art der Systemischer Therapie – allerdings mit gesunden Menschen in Beziehungen.

‚Als soziales Wesen ist der Mensch kein isoliertes Individuum, sondern er lebt in Beziehungen mit anderen und ist damit Teil verschiedener Systeme.‘

Brüggemann, Ehret & Klütmann (2016) (S. 48)

Systemische Therapie als Kassenleistung?

Gemäß Psychotherapeutengesetz gilt in Deutschland Systemische Therapie als wissenschaftlich anerkanntes Psychotherapieverfahren zur Behandlung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Im November 2018 hat der Gemeinsame Bundesausschuss (das höchste Gremium im Gesundheitswesen) den Nutzen und die medizinische Notwendigkeit von Systemischer Therapie für Erwachsene festgestellt. Noch in diesem Jahr soll dieses sogenannte Richtlinienverfahren, neben „Freuds“-Psychoanalyse, der Verhaltenstherapie und tiefenpsychologischer fundierter Psychotherapie, Kassenpatienten angeboten werden.

Systemische Therapie soll noch 2019 Kassenpatienten als neues Psychotherapieverfahren angeboten werden
Apotheken Umschau 04/2019 zur Systemischen Therapie

Welche Methoden gibt es in Systemischer Therapie und Familienberatung?

  • „Sehen Sie das Hr. Bacaksoy? Mein Partner hört nie zu!“. In der Paarberatung interessiert mich bei Konflikten weniger was das Gegenüber gesagt / nicht gesagt hat, sondern viel mehr was der/die Andere darüber denkt und wie dieses Verhalten bewertet wird. Meine Frage „Was glauben Sie, würde ihr Partner dazu sagen, wenn ich ihn fragen würde, wie er darauf kommt, dass sie vermeintlich ’nie zuhören“ bietet die Möglichkeit Sichtweisen, welche Konflikte innerhalb eines Systems verursachen, aufzudecken. Diese Denkweise heißt zirkuläres Fragen. Es geht vor Allem darum andere Positionen einzunehmen und neue Perspektiven einzunehmen.
  • Lösungsorientierte Fragen. Nachdem vielfältige Sicht- und Denkweisen u.A. durch zirkuläre Fragen entdeckt wurden ist das Ziel andere hilfreiche Lösungsalternativen für sich zu finden. Wichtig sind z.B. Fragen nach Ausnahmen. – Also wann tritt das Problem nicht auf? Was ist dann anders? Was können Sie tun, um diesen Zustand öfter zu erreichen? Wer bemerkt als erstes, wenn sich etwas verändert hat?
  • Unterscheidungs- und Skalierungsfragen. Wo stehen Sie heute mit Ihrem Anliegen? Wo möchten Sie am Ende der Beratung damit stehen?
  • Paradoxe Interventionen. Was müssten Sie tun damit das Problem noch häufiger auftritt?
  • Aufgaben zwischen den Beratungsterminen. Systemische Therapie wirkt vor allem zwischen den einzelnen Sitzungen. Veränderungen geschehen im Alltag und der Lebenswelt der Klienten. Durch Beobachtungsaufgaben, z.B. in welchen Situationen ein Paar unterschiedlicher Meinung war und ein solcher Streit dann zur Zufriedenheit beider gelöst wurde. Dadurch werden Klienten darin unterstützt ihr Beratungsanliegen zu lösen.
  • Co-Beratung mit zwei Beraterinnen und Beratern.
  • Reflecting-Team
  • Metaphern-Arbeit
  • Genogramm
  • Aufstellungen, Familienbrett

‚Der Berater hält keine Antworten bereit, sondern bringt den Kunden / Klienten und sein Systen in Bewegung.‘

( Brüggemann, Ehret & Klütmann (2016), S. 46)

Quellenangaben:

Brüggemann, Ehret & Klütmann (2016): Systemische Beratung in fünf Gängen. Ein Leitfaden. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht).
Schwing & Fryszer (2016): Systemische Beratung und Familientherapie. Kurz, bündig, alltagstauglich. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht), S. 12).